Wenn echte Menschen zu Bots gemacht werden
Stellungnahme der Patriotic Doctors of Iran zur Iran-Berichterstattung deutschsprachiger öffentlich-rechtlicher Medien
Die Patriotic Doctors of Iran protestieren entschieden gegen die irreführende Darstellung der iranischen Protestbewegung und der Unterstützer von Prinz Reza Pahlavi in einem am 9. Juli 2026 veröffentlichten Video von ZDFheute.
Das Problem dieses Videos besteht nicht allein in einer starken Verkürzung. Durch die Auswahl, Reihenfolge und sprachliche Gewichtung der Informationen wird ein Eindruck erzeugt, der den Ergebnissen des zugehörigen ausführlichen ZDF-Artikels teilweise widerspricht.
Im schriftlichen Beitrag wird ausdrücklich erklärt, dass die Pro-Pahlavi-Bewegung im Internet größtenteils aus echten Menschen besteht. Zusätzlich gebe es automatisierte Kanäle und einen Graubereich aus realen Accounts, die ihre Aktivitäten koordinieren. Zugleich stellt der Artikel fest, dass die Hinweise auf tatsächliche Bot-Aktivitäten bei regimetreuen Kommentaren deutlich eindeutiger seien. Dort wurden unter anderem innerhalb einer Minute mehr als 190 identische Kommentare, Forderungen nach harter Bestrafung von Demonstrierenden sowie koordinierte Gewaltaufrufe gegen Juden dokumentiert. (ZDFheute)
Im Video wird diese entscheidende Unterscheidung jedoch nicht angemessen vermittelt. Die Aussage, die Bewegung bestehe größtenteils aus echten Menschen, wird vollständig weggelassen. Stattdessen werden zunächst „Bot-Netzwerke“ vorgestellt und unmittelbar danach wird erklärt, bei den gefundenen Kommentaren habe es sich „vor allem“ um Botschaften zugunsten von Prinz Reza Pahlavi gehandelt. Die eindeutigeren Pro-Regime-Netzwerke und islamistischen Gewaltaufrufe werden anschließend nur als zusätzlicher Befund erwähnt.
Damit wird die Gewichtung des schriftlichen Artikels praktisch umgekehrt.
Aus einer Untersuchung, die überwiegend echte Menschen, teilweise koordinierte Nutzer und einzelne automatisierte Strukturen unterscheidet, wird in einem kurzen Video die suggestive Botschaft, die sichtbare Unterstützung für Prinz Reza Pahlavi werde vor allem durch Bots erzeugt.
Koordiniertes politisches Handeln ist jedoch nicht automatisch künstlich oder betrügerisch. Menschen, die nach einem Massaker dieselben Forderungen erheben, dieselben Hashtags verwenden oder gemeinsam Medienredaktionen ansprechen, sind nicht deshalb Bots. Politische Bewegungen haben sich zu allen Zeiten organisiert, gemeinsame Parolen verwendet und ihre Botschaften vervielfältigt. Eine journalistisch verantwortungsvolle Berichterstattung muss klar zwischen realen Aktivisten, koordinierten Kampagnen, automatisierten Accounts und gefälschten Identitäten unterscheiden.
Die Menschen stehen tatsächlich auf den Straßen
Während Unterstützer von Prinz Reza Pahlavi durch derartige Beiträge unter einen pauschalen Botverdacht gestellt werden, wird die sichtbare Realität auf den Straßen häufig relativiert oder nur unzureichend eingeordnet.
Seit Januar 2026 haben Iranerinnen und Iraner in zahlreichen Städten Europas, Nordamerikas und anderer Teile der Welt wiederholt gegen die Islamische Republik demonstriert. Allein am 14. Februar versammelten sich nach offiziellen Angaben der Münchner Polizei rund 250.000 Menschen auf der Theresienwiese. Die Teilnehmer waren aus ganz Europa angereist. Auf der Kundgebung waren unzählige Bilder von Prinz Reza Pahlavi zu sehen, und sein Name wurde wiederholt von der Menschenmenge gerufen. (Bayerische Polizei)
Weitere Demonstrationen mit sichtbarer Unterstützung für Prinz Reza Pahlavi fanden unter anderem in Berlin, Düsseldorf, Paris, Stockholm, Amsterdam, Toronto und Los Angeles statt. (tagesschau.de)
Man kann über die zukünftige Staatsform Irans unterschiedlicher Meinung sein. Man kann Prinz Reza Pahlavi kritisch hinterfragen. Man darf jedoch nicht so tun, als existiere diese gesellschaftliche und politische Bewegung hauptsächlich in Kommentarspalten oder werde künstlich durch Bots hergestellt.
Hunderttausende Menschen auf den Straßen sind keine Bots.
Das Massaker darf nicht zum Hintergrundrauschen werden
Besonders schwer wiegt diese Verzerrung angesichts der Verbrechen, die den digitalen Kampagnen vorausgingen.
Amnesty International bezeichnet den Januar 2026 als die tödlichste Repressionsphase im Iran seit Jahrzehnten und berichtet, dass insbesondere am 8. und 9. Januar Tausende Menschen getötet wurden. Human Rights Watch dokumentierte landesweite Massentötungen, Schüsse auf Köpfe und Oberkörper von Demonstrierenden sowie mindestens 400 sichtbare Leichen an nur einem einzigen untersuchten Ort. (Amnesty International)
Der ZDF-Artikel selbst spricht von schätzungsweise mehreren Zehntausend Getöteten. Wegen der vollständigen Internetsperre, der Unterdrückung von Informationen und der Einschüchterung der Familien ist die endgültige Opferzahl weiterhin nicht unabhängig feststellbar. (ZDFheute)
Vor diesem Hintergrund stellt sich eine grundlegende Frage:
Warum wird die Energie darauf verwendet, reale Unterstützer der iranischen Freiheitsbewegung unter Botverdacht zu stellen, während die Dimension eines der schwersten Massaker der jüngeren iranischen Geschichte und die seit Monaten sichtbare Mobilisierung der iranischen Bevölkerung und Diaspora nicht annähernd dieselbe mediale Aufmerksamkeit erhalten?
Es wäre falsch zu behaupten, ARD, ZDF oder andere öffentlich-rechtliche Medien hätten überhaupt nicht über die Demonstrationen oder die Massentötungen berichtet. Sie haben darüber berichtet. Unsere Kritik richtet sich gegen die Gewichtung, das wiederkehrende Framing und die asymmetrischen Beweismaßstäbe.
Die Unterstützung für Prinz Reza Pahlavi wird regelmäßig mit Begriffen wie „Schah-Sohn“, „umstritten“, „Exilfigur“, „unklarer Rückhalt“ oder „zersplitterte Opposition“ relativiert. Selbst wenn Demonstrierende innerhalb Irans seinen Namen rufen, werden alternative Erklärungen dafür gesucht, warum dies angeblich keine tatsächliche Unterstützung bedeuten müsse. (ZDFheute)
Gleichzeitig werden Aussagen, welche diese Unterstützung relativieren, häufig ohne denselben strengen Beweismaßstab übernommen.
Kein bloßer Einzelfall
Das aktuelle ZDF-Video steht deshalb nicht isoliert. Es fügt sich in ein wiederkehrendes Muster ein:
Die Unterstützung für Prinz Reza Pahlavi wird angezweifelt, psychologisiert oder als Produkt des Exils dargestellt. Seine Anhänger werden mit Botnetzwerken und künstlicher Verstärkung verbunden. Große Demonstrationen werden zwar erwähnt, aber ihre politische Bedeutung wird häufig relativiert. Die Verbrechen des Regimes werden berichtet, erhalten jedoch nicht immer die Sichtbarkeit und Konsequenz, die ihrer Dimension entsprechen.
Wir behaupten nicht, über interne Absprachen oder geheime Weisungen in den Redaktionen zu verfügen. Die politische Motivation einzelner Journalisten können nur diese selbst erklären.
Die öffentliche Wirkung der wiederkehrenden redaktionellen Entscheidungen ist jedoch eindeutig: Die Glaubwürdigkeit und Sichtbarkeit einer bedeutenden Strömung der iranischen Opposition werden systematisch geschwächt, während die tatsächlichen Verbrechen der Islamischen Republik und die reale Mobilisierung gegen das Regime in den Hintergrund treten.
Unsere Forderungen
Die Patriotic Doctors of Iran fordern:
- eine öffentliche Richtigstellung beziehungsweise Ergänzung des ZDF-Videos, in der ausdrücklich erklärt wird, dass die untersuchte Pro-Pahlavi-Bewegung laut dem eigenen Artikel größtenteils aus echten Menschen besteht;
- die vollständige Offenlegung der Methodik, insbesondere der Kriterien, anhand derer echte Nutzer, koordinierte Aktivisten, automatisierte Accounts und Fake-Accounts unterschieden wurden;
- eine klare Trennung zwischen legitimer politischer Mobilisierung realer Menschen und technisch betriebenen Botnetzwerken;
- eine ausgewogene und verhältnismäßige Berichterstattung über die Massaker vom Januar 2026, die weltweiten Proteste und die tatsächliche politische Bedeutung von Prinz Reza Pahlavi;
- die Einbeziehung unterschiedlicher iranischer Stimmen und Experten, anstatt Unterstützung für Prinz Reza Pahlavi überwiegend durch seine politischen Gegner interpretieren zu lassen.
Öffentlich-rechtliche Medien haben das Recht und die Pflicht, jede politische Persönlichkeit kritisch zu prüfen. Sie haben jedoch nicht das Recht, durch selektive Kürzungen und suggestive Verknüpfungen reale Menschen zu digitalen Manipulationsinstrumenten umzudeuten.
Wer Hunderttausende Demonstrierende sieht und dennoch vor allem über Bots spricht, analysiert nicht mehr nur die Wirklichkeit – er verschiebt sie.
Patriotic Doctors of Iran
